Sonntag, 7. März 2010

"Den Geist des Anfängers bewahren"

Die ganze Fülle des Lebens liegt in der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, im Jetzt, aber viel zu oft stehen wir dieser Erfahrung selbst im Weg. Wir sehen nichts so, wie es wirklich ist, weil wir allem ständig unsere vorgefaßte Meinung überstülpen. Wir nehmen an, daß unsere alltägliche Sicht selbstverständlich die einzig richtige ist und sind völlig blind für die außerordentliche Vielfalt, die auch den 'gewöhnlichen' Dingen innewohnt. Um den Reichtum des Augenblicks sehen zu können, müssen wir den Geist des Anfängers entwickeln, das heißt eine innere Einstellung der Offenheit gewinnen, die bereit ist, alles so zu sehen, als wäre es das erste Mal. (...) Versuche Sie diese Geisteshaltung mit Hilfe eines Experiments in Ihrem Alltag zu entwickeln. Wenn Sie zum Beispiel das nächste Mal einen Bekannten treffen, fragen Sie sich, wie gut Sie ihn wirklich kennen, ob Sie ihn unvoreingenommen sehen, nämlich so, wie er ist, oder ob Sie hauptsächlich die Projektion ihrer Gedanken in ihm erkennen. Dieselbe Überlegung wenden Sie bei Ihren Kindern an, bei Ihrem Partner, den Arbeitskollegen, Ihrem Hund oder Ihrer Katze und schließlich in ganz konkreten Problemfällen. Sie können sich auch fragen, ob Sie den Himmel, die Sterne, die Bäume, das Wasser und die Steine wirklich so sehen, wie sie sind, das heißt, mit einem klaren Geist, der frei von den unzähligen Verzerrungen seiner Gewohnheiten ist, ob ob Sie sie durch den Filter ihrer Erwartungen, Erfahrungen und Meinungen wahrnehmen.

(aus: Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation. Frankfurt a.M. 2009 (7. Aufl.). Seite 49f

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